Willkommen bei Enneagrammlehrer
EnneagrammlehrerInnen in der
Mündlichen Tradition nach Helen Palmer e.V.
logo

Helen Palmer: Die “Montagmorgen” bei der spirituellen Arbeit



Montagmorgen 1

Jahrelang habe ich mehr nach Übereinstim­mungen als nach Abweichungen zwischen spirituellen Systemen gesucht und hinsichtlich der Typen gibt es globale Übereinstimmun­gen. Jede Tradition kann etwas über den Mönch des zweifelnden Verstandes, den des schlafenden Verstandes oder den des ärgerli­chen Verstandes (und all die anderen Mind-Zustände im Enneagramm) beitragen, da der Typ eine wesentliche (besondere) Barriere im spirituellen Le­ben darstellt. Der Typ hat eine zweifache Funktion. Er ist sowohl eine beschützende emotionale Strate­gie als auch ein einschränkendes automati­sches Widerstandsmuster. Für mich besteht der große Vorteil des Enneagramms darin, dass es die verschiedenen Widerstandsmuster benennt, auf die verschiedene Typen von Menschen auf ihrer spirituellen Reise treffen und dass es somit psychologische Einsicht mit spezifischen traditionellen Praktiken vereint, die unterschiedliche Typen von Menschen während ihrer spirituellen Befreiung unterstüt­zen. Mein eigenes Verständnis der Rolle der Typen im spirituellen Leben entwickelt sich immer noch, aber schon in den frühen 70er Jahren erkannte ich, dass die meisten Menschen fähig sind, eine spirituelle Erfahrung zu machen. Das war der leichte Teil. Tiefe spirituelle Ein­sicht und Erfahrung ereignet sich überall, un­abhängig von spezifischen Techniken, die sie zu Bewusstsein bringen. Rückblickend ist es leicht zu erkennen, warum. Am Anfang des­sen, was in Amerika “the human potential movement” ge­nannt wurde”, waren die Schü­ler relativ naiv. Sie konnten Lebensweisen aufnehmen wie Hungerkuren / Fasten, Ein­samkeit und unge­wohnte Meditationen, alles was die Ver­teidigungswälle der Persönlichkeit verringert. Zusammen mit häufiger Körper- und Atem­arbeit schien es unmöglich, keine Erfahrung zu haben. Selbst diejenigen, die glaubten, sie seien aus Stein, würden sich öffnen. Aber der schwierige Teil kam immer am Montagmorgen, wenn die Schüler zu ihren Jobs und zu ihrer Familie zurückkehrten. In­nerhalb weniger Wochen war die gleiche machtvolle Erfahrung zu einer Erinnerung re­duziert, se­ziert und analysiert vom Standpunkt des Typs aus. Das Ereignis selbst wird zwar nicht ver­gessen, aber mit der Zeit werden “kraftvolle” Gipfelerlebnisse zu Konversa­tions­stücken: “Erinnerst Du Dich daran? Erin­nerst Du Dich, was damals geschah? Lass´ mich Dir diese er­staunliche Geschichte er­zählen!” Schüler sind höchst dankbar für den Kontext, in dem spiri­tuelle Erfahrungen auf­treten kön­nen. Sie zei­gen Dir auch, wie dank­bar sie sind, und als Lehrer fühlt man sich ge­schätzt und produktiv. Aber für mich erschien es - vielleicht zyni­scherweise - wie leicht zu be­kommende Ein­sicht und Erfahrung, wobei die tatsächliche Arbeit darin besteht, diese Erfah­rungen zu integrieren, damit sie Teil meines Persönlich­keitsaufbaus werden. Der schwierigste Teil einer jeden Aufmerk­samkeitsverlagerung ist nicht, eine Erfahrung zu machen. Es ist mehr das Abschwächen der Widerstände, die wieder auftreten, wenn die Erfahrung vorbei ist. Wir können das an den Schockpunkten des Enneagramm-Modells sehen. Ein Initialimpuls bei der Drei führt zu einer Reaktion bei der Sechs, die wiederum führt entweder zum Vergessen oder zu einer neuen Synthese von Bewusstheit bei der Neun. Die bleibende Veränderung besteht darin, den Selbstschutzmechanismus des Typs abzuschwächen, der jeder radikalen Er­fahrung entgegenwirkt. Für mich besteht die größte Arbeit beim spirituellen Wachsen darin, mit dem Montagmorgen klarzukommen, wenn die Widerstände zurückkehren.
>>Enneagrammlehrer Startseite>>Artikel>>Helen Palmer: Die “Montagmorgen” bei der spirituellen Arbeit